Hopfenpost goes Posselt

15. Mai 2009 von Anja Timmermann

Anja Timmermann schreibt:

Da war ich nun gestern Abend bei einer Veranstaltung mit Herrn Posselt. Die Münchner CSU hatte mich nach dem ersten Blog (”Der hässliche Politiker”) derart freundlich dazu eingeladen (”Dem Esel ist die Eselin das Schönste”), mich doch auch mal mit seinen inneren Werten auseinanderzusetzen, dass ich natürlich hingehen musste. Vorweg schon mal: Es war ein friedvoller Abend ohne Verletzte zum Thema Oberweite und EU-Erweiterung.

Bernd Posselt selbst begrüßt mich mit Handschlag.  Nicht richtig lange (wer will es ihm verdenken), aber auch nicht unfreundlich. Die übrigen CSU-Vertreter sind extra herzlich. Ein paar JUler gucken, sagen aber nix.  Als Posselt dann mit seinem Gast, Österreichs Altkanzler Wolfgang Schüssel, zu den Klängen des Radetzky-Marsches in den gut gefüllten Saal einmarschiert, gehe ich nach vorn, um ein Foto zu machen. Posselt sieht’s und lächelt extra in meine Richtung.

Bitte lächeln: Bernd Posselt (3. von links) mit dem Münchner CSU-Chef Otmar Bernhardt, Altkanzler Wolfgang Schüssel und Münchens CSU-Fraktionschef Seppi Schmid (von links).

Bitte lächeln: Bernd Posselt (3. von links) mit dem Münchner CSU-Chef Otmar Bernhardt, Altkanzler Wolfgang Schüssel und Münchens CSU-Fraktionschef Seppi Schmid (von links).

Aber wir hatten ja versprochen, uns diesmal mit den Inhalten zu beschäftigen. Allerdings streift Posselt selbst ziemlich am Anfang seiner Rede das Thema “äußere Hülle”. Unter dem Stichwort “Sicherheit” (einer seiner vier zentralen Punkte) kommt er plötzlich auf die “skandalöse Verfälschung” seiner Wahlplakate zu sprechen, die eine “Partisanengruppe”  veranstaltet habe: Zahlreiche seiner Plakate in ganz München wurden über Nacht mit ziemlich professionell gemachten Streifen überklebt. Bei seinem Gesicht steht nun daneben “Für ein schlankes Europa”. Und darunter steht in Grün: “Münchens Stimme an Brüssels Büffet”.

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Dann entsinnt sich der Redner wieder, dass er’s doch sportlich nehmen wollte, und sagt: “Ich bin nicht für ein schlankes Europa. Ich bin für ein starkes Europa.” Selbst der österreichische Altkanzler Wolfgang Schüssel geht dann in seiner Rede nochmal auf die Thematisierung von Posselts Leibesumfang ein. “Für Europa brauchen wir die Besten und Stärksten. Keine Weicheier, die sofort das Knieschlottern kriegen.  Es geht nicht um diese Oberweite, meine Damen und Herren”,  sagt er und zeigt auf seinen - allerdings weitgehend nicht-existenten - Bauchansatz. Kunstpause. “Sondern um diese Oberweite!” - und zeigt auf seinen Kopf.

Jetzt aber wirklich die Inhalte. Posselt hält eine überzeugte Rede für Europa - und sie klingt ähnlich wie die vieler anderer EU-Politiker der CSU, die tapfer versuchen, gegen die unterschwellige Sündenbock-Brüssel-Stimmung vieler ihrer Parteifreunde anzureden. “Brüssel hat die Bürokratie nicht gepachtet. In Berlin gibt es genauso welche. Und, wenn Sie mich nicht verraten, sogar in Bayern”, sagt er. “Europa ist das schützende Dach gegen den sauren Regen der Globalisierung.” Beim Thema Globalisierung und “Raubtierkapitalismus” verortet er gleich noch seinen eigenen Standpunkt: “Der Kommunismus ist gescheitert und das Modell der FDP auch.” Die CSU also auf der Mitte des Weges zwischen Kommunismus und FDP.

Nach “Freiheit” und “Sicherheit” folgt dann sein dritter Leitgedanke: “Gerechtigkeit”. Nach dem durchaus nachvollziehbaren Werben für ein gemeinsames Europa für mich die erste echte Befremdung: Bei Gerechtigkeit nennt er als erstes und wichtigstes, dass die Sudetendeutschen vor 60 Jahren ungerecht behandelt worden sind.  Sicher ist er Vertriebenen-Sprecher und natürlich ist es ein Bonbon fürs Publikum (der laute Beifall  dankt es ihm), aber mir fielen in der Gegenwart doch noch ein paar drängendere Gerechtigkeitslücken ein. Dieses rückwärtsgewandte Herumgehacke auf jahrzehntealten Dekreten wirkt auf mich, sagen wir,  nicht wirklich attraktiv. Davon abgesehen, dass es nicht die Tschechen waren, die den Krieg angefangen haben, aber lassen wir das.

Und schließlich die “christlichen Werte” und das daraus abgeleitete Nein zu einem EU-Beitritt Türkei. Dass die CSU diese Position vertritt, ist bekannt. Die Begründung von Bernd Posselt ist allerdings ein wenig gewagt, findet die Autorin: Denn er beruft sich auf die griechisch-römische Antike, das gedankliche Fundament Europas. Also, auf  meinem bayerischen Gymnasium jedenfalls hatten sie uns beigebracht, dass die guten alten Griechen und in langen Strecken ihrer Geschichte auch die guten alten Römer doch einen ganzen Haufen mehr, teils recht lebenslustiger Götter hatten als den einen christlichen. Und dass auch einige ihrer Städte wie Troja und Ephesos auf dem Gebiet der heutigen Türkei liegen.

Das hübsche Esels-Zitat vom Beginn stammt jedenfalls auch von einem antiken Philosophen. Wollen wir hoffen, dass er auch innerhalb der heutigen EU-Grenzen gelebt hat…

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7 Antworten zu “Hopfenpost goes Posselt”

  1. [...] das hatte ich hier und hier ja schon ausreichend getan. Ahem. Aber das Bild rechts, das ich bei der Hopfen-Post gefunden habe, ist einfach zu schön: Offenbar haben ein paar findige Menschen, möglicherweise [...]

  2. Claudia sagt:

    @ DieBesserWisserin:
    “Ich danke Ihnen recht herzlich für diesen Versuch von ernsthafter journalistischer Berichterstattung.”

    Was ist wohl die “ernsthaftere” journalistische Berichterstattung: Sich vor einer Konfrontation mit jenem Politiker, den man zuvor kritisiert hatte, zu drücken, oder, wie es Frau Timmermann gemacht hat, sich ihr zu stellen und geradewegs in die Höhle des Löwen zu marschieren? Ich kann nur sagen: Respekt - Sie hätten schließlich nicht unbedingt zu dieser Veranstaltung gehen müssen.

  3. suedwatch.de sagt:

    Ein “schönes” Stück traditionsreichen Journalismus’, dessen sich auch schon Kurt Kister in der SZ bedient hat. “Kolumnmist vom Kolumnist”, nachzulesen bei suedwatch.de, dem unabhängigen Watchblog zur Süddeutschen.

  4. Phrasenmäher sagt:

    Ein dicker unsympathischer Mann grinst für die CSU und Europa feist vom Plakat. Eine perfekte Vorlage, die grandios aufgenommen und verwandelt wurde. Es scheint zwar, Posselt kommt inhaltlich etwas dünner daher, aber bei der Optik hilft kein Verweis auf innere Werte. Politiker sind Personen des öffentlichen Lebens und haben somit Vorbildfunktion. Diese Figure signalisiert deutlich Maßlosigkeit und mangelnde Disziplin. Kein Vorbild und nicht wirklich gut für das deutsche Bild in Europa. Im wahrsten Sinne … untragbar.

  5. MeinJaNur sagt:

    @ DieBesserWisserin

    “Mich wundert es nicht, dass es auch diesmal nicht geklappt hat, den Boulevardjargon abzustellen.”

    Ich glaube, da haben Sie was ganz falsch verstanden: Ich mein, warum hätte sie sich “bemühen” sollen, dass es “klappt”? Die Frau arbeitet doch bei einer Boulevardzeitung, also warum hätte sie es versuchen sollen? Sie kritisiert ja auch nicht an Herrn Posselt: “… dass es auch diesmal nicht geklappt hat, den CSU-Jargon abzustellen.”

  6. Max Bardenstein sagt:

    Wunderbarer Artikel! Aber noch besser finde ich die Plakat-Aktion. So etwas ist schon seit langem fällig gewesen! Und so ein Überkleben ist bedeutend witziger als die Schmierereien und Verunstaltungen, die man sonst immer sieht. Applaus!

  7. DieBesserWisserin sagt:

    Posselt goes Protzner???

    Ach Frau Timmermann,

    ich danke Ihnen recht herzlich für diesen Versuch von ernsthafter journalistischer Berichterstattung. Mich wundert es nicht, dass es auch diesmal nicht geklappt hat, den Boulevardjargon abzustellen. Wie sagt man so schön: „Sie war zumindest bemüht“.

    Nicht einmal für eine korrekte Bildunterschrift reicht es! Jetzt gehen Sie schon zu einer Veranstaltung von Bernd Posselt, schreiben über ihn, aber erkennen ihn auf Ihrem eigenen Foto nicht wieder. Oder hat Bernd Posselt seinen Namen nun in Bernd Protzner geändert?

    Ein Seitenhieb sei mir noch gestattet, denn hier liest man doch so viel über das Aussehen anderer Menschen und Buffets in Brüssel. Nachdem ich Sie nun auch in voller Schönheit erleben durfte, kann ich mir leibhaft vorstellen, dass auch Sie sich an den Buffets dieser Welt nicht zurückalten.

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