Markus Jox schreibt:
Gerade eben hat mir eine Münchner Freundin im Facebook-Chat die Gretchen-Frage für einen Politikredakteur gestellt: “Was würdest du mir raten zu wählen morgen? Du hast drei Sekunden Zeit.” “Puh”, hab ich da geantwortet und sie, um kostbare Zeit zum Überlegen zu gewinnen, erst mal ganz politisch korrekt darauf hingewiesen, dass es am Allerwichtigsten sei, überhaupt wählen zu gehen. Das hat mir schon mein Sozialkundelehrer in der Mittelstufe erfolgreich eingetrichtert. Die Freundin wiederum, eine kluge, witzige Frau, brachte ihr Dilemma in Twitter-Tweet-Länge knackig auf den Punkt: “Mein Herz schlägt grün, aber mein Gehaltszettel sagt FDP.”
Was aber soll ich ihr guten Gewissens raten?
Soll sie für die CSU stimmen und so “Bayern nach Europa wählen”, wie der Endspurt-Slogan aus der Parteizentrale kryptisch verheißt? Als läge Bayern, ähnlich wie die Türkei, vor allem in Asien und nicht zwischen Thüringen und Österreich. (Über das seltsam tonlose ”Wir in Europa” der CDU, die “den Kompass für den Weg aus der Krise” zu haben beansprucht, muss sie sich gleich gar keine Gedanken machen, weil die in Bayern nicht auf dem Stimmzettel steht.)
Oder soll sie vielleicht die Bayerin Nadja Hirsch nach Europa wählen - also für die FDP abstimmen? Damit würde sie freilich auch Westerwelles Vorzeigeblondine Silvana Koch-Mehrin wählen, die witzigerweise damit wirbt, dass sich mit der FDP “Arbeit wieder lohnt”, selbst aber dem Vernehmen nach auch ohne allzu übertriebene Präsenz im Europäischen Parlament einen sehr ordentlichen Lohn in die Scheune fährt.
Soll sie die Grünen wählen und damit dem lautmalerisch-krachenden, gar nicht so recht pazifistisch daherkommenden ”WUMS” das Wort reden? Was der bedeutet? Wirtschaft, Umwelt, menschlich und sozial. Aha. Aussagekräftig klingt anders. Oder sind alle anderen Parteien unmenschlich-asoziale Zombies?
Soll sie die SPD wählen, von deren Plakaten ältere Herren vollmundig versprechen, sie würden “das soziale Europa stärken” oder sogar ”Europa sozial machen”, als handele es sei bei der EU um eine asoziale, von dem Genossen Günter Verheugen als Vizepräsident der Brüsseler Kommission mit betriebene Abocke-Organisation?
Oder soll sie gleich die Linke wählen, die im Kasernenhofton ”Rot wählen!” befiehlt und lauthals nicht nur “Mindestlohn und Millionärsteuer”, sondern gleich auch noch “mehr Geld für Rentner” und “Investitionen in Bildung und Arbeitsplätze” verspricht, als wären Staat und Steuerzahler eierlegende Wollmilchsäue?
So, liebe Freundin, jetzt musst du dich entscheiden - wer ist dein politisches Herzblatt? Naja, ganz ehrlich gesagt: Ich habe mich auch sehr schwer getan. Aber brav mein Kreuzchen gemacht habe ich am Ende doch - und zwar schon per Briefwahl.
Tags: CDU, CSU, Europawahl, FDP, Grüne, Linke, SPD, Wahl-O-Mat


Heute morgen beim Joggen nochmal einen Blick auf die Wahlkampfplakate geworfen. Dabei ist nochmal sehr deutlich geworden, dass man glasklare Unterschiede zwischen den Parteien und ihren Europaaussagen findet:
“Für München in Europa” (FDP)
“Für Bayern in Europa” (Grüne)
“Bayern nach Europa wählen” (CSU)
Nur die SPD fällt mal wieder aus dem Rahmen…
ja, ist schon schwer, wenn es ansonsten der job ist, alles bloulevardtauglich schlecht zu schreiben, weil sich negativ nunmal besser werkauft, und man dann auf einmal “empfehlungen” abgeben müsste. echt ne schwierige frage: was wählt ein abendzeitungsredakteur? bitte spekulieren…