Markus Jox schreibt:
Es war ein sehr freundlicher, aber irgendwie auch vergifteter Film, den das ZDF heute Abend über Frank-Walter Steinmeier ausgestrahlt hat. Claus Richter und Ulf-Jensen Röller haben den Kanzlerkandidaten der SPD in ihrer Dokumentation “Kandidat Steinmeier” als lieben Kümmerer mit bezauberndem Grübchenlächeln porträtiert. Vielleicht ist er ja wirklich so: Der nette, freundliche Frank, der gerne die Kärrnerarbeit macht. Für Schröder. Für Merkel. Für Deutschland. Für die EU.
Viel Neues enthielt der Film vorderhand nicht. Steinmeiers Herkunft aus der tiefesten westfälischen Provinz, der bodenständige Junge aus dem Dorf Brakelsiek, das kennt man alles längst - auch aus Steinmeiers Autobiografie. Trotzdem lässt es einmal mehr aufhorchen, wenn sein ehemaliger Mitspieler Rainer Schriegel über den Fußballer Steinmeier sagt: “Er hat seine Aufgaben, die man ihm gegeben hat, ohne Murren erfüllt. Und wo man ihn hingestellt hat, da hat er gespielt. Als Mitspieler war er einfach ideal.”
Jetzt hat ihn SPD-Patron Franz Müntefering eben als Kanzlerkandidaten aufgestellt, in recht aussichtsloser Lage. Und Frank macht es, ohne viel Murren. “Er war ein Abräumer”, erzählt Steinmeiers Ex-Fußballtrainer Ernst Null frei von der Leber weg. “Wenn ich sagte, an den Mann gehste, dann ging er auch ran. Aber Spielmacher? Nein, nein. Ein Spiel aufbauen oder lenken, das konnte er nicht. Da war Frank nicht für geboren.”
Dafür war offenbar Gerhard Schröder dafür geboren. Immer wieder verklären Richter und Röller den Altkanzler als Mentor und großen Chef Steinmeiers. Schröder geht in den Szenen die Treppen hinauf, wird als gerissener, machthungriger ”Medienstar” beschrieben. Steinmeier geht Treppen hinab, wird als Schröders “Mach-mal-Frank”, als “graue Exzellenz”, als “Techniker der Macht” beschrieben, “der Schröders Basta organisiert hat”. Und natürlich war Schröder der Stürmer im Fußballverein, der “Acker”, der anders als “Prickel” Steinmeier Spiele entschieden, Tore gemacht hat. “Im Übrigen sind wir uns damals nicht begegnet”, sagt das politische Alphatier Schröder maliziös, “weil sein Club zwei Klassen unter meinem spielte. Was nicht ihn kennzeichnete, sondern Brakelsiek.”
“Ein Alphatier ist er mit Sicherheit nicht, sagt Steinmeiers Freund, der Schriftsteller Sten Nadolny. Und der Schauspieler Ulrich Matthes ergänzt: “Er ist das Gegenstück vom Testosteronkanzler Schröder. In der Zurückhaltung ist eine große Kraft verborgen.” Natürlich sei Steinmeier auch als linker Student in Gießen kein Aktivist, sondern ein Theoretiker gewesen, berichten die Filmemacher. Der die “Internationale” auf Kassetten angehört und in seiner WG brav den Abwasch gemacht hat. Ein zurückhaltender Akademiker eben, der stets sozialverträglich, grundvernünftig und ordentlich gewesen sei. Als ihn seine WG-Genossen filmen wollten, sagte Steinmeier: “Och nö, der Frank is jetzt müde.”
Das ist heute noch so. “Die großen Posen und Gesten liegen ihm nicht”, sagt sein Freund, der Star-Fotograf Jim Rakete. Auch beim Sommerfest in Chemnitz bleibt der Kanzlerkandidat bei den örtlichen Honoratioren stehen, meidet das Gespräch mit den Bürgern. Als er sich dann doch noch eine Bratwurst holt, sagt er nur verkrampft: “So, herzlichen Dank, bis zum nächsten Mal, hahaha” - und trollt sich in seine gepanzerte Limousine.
Wo sich Steinmeier wohler zu fühlen scheint. Richter und Röller haben den Außenminister auf seine jüngste Nahost-Reise begleitet: “Verhandeln, Kompromisse finden, Mehrheiten organisieren, das kann er, das hat er gelernt”, sagen sie. Jetzt aber müsse er zeigen, dass er an die Macht will, siegen kann.
Dass Frank-Walter Steinmeier die nötige Brutalität und Konfliktbereitschaft dafür fehlt, zeigt vielleicht die Szene vom Schwielowsee, wo die SPD vor einem Jahr ihren Vorsitzenden Kurt Beck eiskalt gestürzt hat. Beck reagiert noch heute waidwund, wenn man ihn darauf anspricht. Steinmeier hingegen sagt nur windelweich: “Das war kein Putsch, sondern Kurt Becks Entscheidung, sich vom Vorsitzendenamt zurückzuziehen.”
Fazit des Films: Steinmeier ist nett, freundlich, liebenswürdig. Aber vielleicht ein bisschen zu nett, freundlich und liebenswürdig, um zum Kanzler gewählt zu werden.
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