Markus Jox schreibt:
Jahrelang war es dasselbe Lied bei den Solo-Auftritten der Kanzlerin vor der Bundespressekonferenz: Angela Merkel legte in dem Saal am Schiffbauerdamm ihren uckermärkischen Klangteppich aus und sang die Hauptstadtpresse sukzessive in seligen Schlummer. Am Ende blieb meist nur eines haften: der Merkelsche Dreiklang. Die Regierungschefin beschwor mantraartig einen „Dreiklang aus Sanieren, Reformieren und Investieren“, hämmerte ihn ihrem Volk nachgerade ein. Der sollte das Leitmotiv der großen Koalition sein.
Nun verhält es sich mit dem Dreiklang aber nicht so, dass man einfach drei beliebige Tasten eines Klaviers zugleich drückt oder drei willkürliche Töne hintereinander ausstößt. Musikalische Menschen verstehen unter einem Dreiklang vielmehr den Spezialfall eines Zusammenklangs dreier unterschiedlicher Töne. Einen dreistimmigen Akkord, dessen Töne sich in Terz-Intervallen übereinanderschichten. Der tiefste Ton ist der Grundton, darüber liegen Terz- und Quintton. Je nachdem, wie große und kleine Terzen übereinandergelagert werden, kommt ein Dur-Dreiklang, ein Moll-Dreiklang, ein übermäßiger Dreiklang oder ein verminderter Dreiklang heraus.
Klingt soweit alles schön und gut. Wenn da nur nicht die schauderhaft dissonante Dreiklang-Metaphorik wäre, die sich – weit über Frau Merkel hinaus – in der politischen Rhetorik eingenistet hat. So schwadroniert der grüne Europaabgeordnete Michael Cramer munter über einen „europäischen Dreiklang gegen Klimawandel“. Da der jedoch aus Tempolimit, LKW-Maut und Kerosinsteuer besteht, kommt er zumindest für nicht-grüne Ohren wohl eher einem schrägen Missklang in Moll gleich. Böll-Stiftungs-Chef Ralf Fücks redet wiederum einem Dreiklang aus „sozial, liberal und ökologisch” das Wort – bei einer solchen Mega-Ampel von Nahles über Guido bis Ströbele kann es sich allenfalls um einen übermäßigen Dreiklang handeln. Eine auf die schnöde Ökonomie reduzierte Melodie stimmt der FDP-Schnauzer Hermann-Otto Solms an, indem er einen „Dreiklang aus steuerlichen Entlastungen sowohl für Privathaushalte als auch für Unternehmen sowie ein Vorziehen von ohnehin geplanten staatlichen Investitionen zur Stärkung der Binnenkonjunktur“ fordert – ein klarer Fall von neoliberal vermindertem Dreiklang.
Da lobe ich mir die Gourmets: So empfiehlt der Münchner Bio-Koch Reinhard Angerer als Hauptgang einen „Dreiklang aus leichtem Wildschweinragout mit Edelbeere angegossen an Kürbis-Schupfnudeln, serviert mit Apfel-Holundersaft und einem spanischen Tempranillo“. Klingt schon mehr nach Dur.
Vom Merkelschen Dreiklang indes ist nach vier Jahren großer Koalition kaum ein Tönchen übriggeblieben. Das Reformieren bestand aus dem verkorksten Gesundheitsfonds, einer Föderalismusreform, die kaum jemand wirklich durchdrungen hat und die Rente mit 67 (die SPD-Minister Scholz mit seinem Rentenpopulismus gerade wieder vergessen macht) – kraftvolle Reformen sehen anders aus. Vom Sanieren und einem ausgeglichenen Haushalt redet ob der Krise sowieso längst kein Mensch mehr. Und investiert wird in Breitbandnetze im ländlichen Raum. Hachja.
Jetzt, da sich die große Koalition wahlkampfbedingt vermeintlich in ihren letzten Zuckungen befindet, geht Merkel frohgemut zum nächsten Dreiklang über. Das Wahlprogramm der Union werde einen „Dreiklang von Schuldentilgung, Investitionen in Innovation und steuerlicher Entlastung“ enthalten, droht sie an. Klingt irgendwie nach utopischem Dreiklang und so, als ob der Staat eine eierlegende Wollmilchsau wäre. Wenn die Wahl geschlagen ist, befürchte ich einen ganz anderen Dreiklang: nämlich den aus Arbeitslosigkeit, noch viel mehr neuen Schulden und Steuererhöhungen. Und diesen Dreiklang, so wird Frau Merkel dann sagen, kann nur eine neuerliche große Koalition anschlagen. Natürlich.
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