O weh, SPD!

30. September 2009 von Markus Jox

So langsam bekomme ich Mitleid mit der SPD. Will nicht mehr dauernd von “Machtkampf”, “Hauen und Stechen”, “Grabenkämpfen” bei den Genossen schreiben müssen. Irgendwann hat man das selbst als politischer Journalist satt. Die anderen Parteien, ja, die könnten ruhig mal ein bisschen Abwechslung an der Spitze gebrauchen. Bei der CDU sitzt Mutti Merkel gluckenfest im Sattel, die FDP hat sowieso nur Guido - und bei den Grünen halten die  Trittinrothkünastkuhn-Apparatschiks selbstverständlich an der Macht fest, obwohl sie ihr Wahlziel ”drittstärkste Kraft” krass verfehlt haben. 

Nur die SPD zerlegt sich mal wieder. Ein junger Mensch, der, sagen wir einmal 1991 geboren worden ist und heuer erstmals wählen durfte, hat seit seiner Geburt sage und schreibe acht Vorsitzende der SPD erlebt. Sigmar Gabriel könnte bald der neunte sein.

0pgb2511Das Licht der Welt erblickt unser 18-Jähriger mit dem SPD-Vorsitzenden Björn Engholm, einem nachdenklichen, kunstsinnigen, Pfeife rauchenden Norddeutschen, der 1991 Hans-Jochen Vogel als Parteichef ablöst, aber schon zwei Jahre später im Strudel der Barschel-Affäre mituntergeht. Er war bei einer Falschaussage ertappt worden.

JUGOSLAWIEN SCHARPING1993, unser junger Mann ist gerade zwei Jahre alt, beginnt die kurze Epoche von Rudolf Scharping als SPD-Chef. Der damals noch bärtige, höchst behäbige Westerwälder setzt sich in einem Mitgliederentscheid gegen das politische Raubtier Gerhard Schröder und die Partei-Linke Heidemarie Wieczorek-Zeul durch - unter anderem, weil er sich als Enkel von Willy Brandt inszeniert (”Vergesst mir den Mainzer nicht.”). Schon damals entscheidet sich die Partei für einen seltsam schwammigen, konturlosen sigmargabrielähnlichen Mann der Mitte.

0obn2333Das Ganze geht wieder nur zwei Jahre gut. 1995 demütigt Oskar Lafontaine Scharping auf dem berühmten Mannheimer Parteitag nach einer Nacht-und-Nebel-Intrige auf offener Bühne und entreißt dem drögen Pfälzer mit einer furiosen Rede (”Nur wer selbst begeistert, kann andere begeistern”) den Vorsitz.

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Überraschenderweise bleibt Lafontaine auch noch SPD-Chef, als sein Intimfeind Gerhard Schröder 1998 zum Kanzler gewählt wird. Erst Anfang 1999, unser junger Mann ist gerade 8 Jahre alt, überwirft sich Lafontaine endgültig mit Schröder, wirft alle Ämter hin, flieht heim ins Saarland. Die Troika Schröder-Scharping-Oskar landet auf dem Müllhaufen der Geschichte.

NRW SPD PARTEITAGJetzt muss Schröder selbst ran und übernimmt den Parteivorsitz, hat aber weder die nötige Zeit noch das Gespür, in die SPD hineinzuhorchen und deren Seele zu massieren. Er muss ja regieren, Zigarren rauchen und Barolo schlürfen. 2004 hat “der Gerd” genug und räumt öffentlich ein, “der Franz” könne das mit der Partei besser als er. Jetzt ist Müntefering Parteichef - und damit vermutlich der erste SPD-Vorsitzende, an den sich unser Erstwähler bewusst erinnert.

Das geht gerade einmal ein Jahr gut. 2005 schon wirft Münte hin, weil sich die Partei - SPD PLATZECKangestachelt von den Linken um Andrea Nahles - weigert, seinen Adlatus Kajo Wasserhövel zum Generalsekretär zu machen. Jetzt muss Matthias Platzeck ran, der nette, freundliche Ministerpräsident aus Potsdam, den außerhalb Brandenburgs kaum einer kennt. Er wird auf einem Parteitag in Karlsruhe trotzdem wie ein Heilsbringer gefeiert, predigt einen ”vorsorgenden Sozialstaat” und will die SPD modernisieren. Kurz darauf erleidet Platzeck zwei Hörstürze und tritt bereits Anfang 2006 auf dringenden ärztlichen Rat wieder zurück.

dpa_17696600E9C7B252Jetzt übernimmt Kurt Beck, wieder ein Pfälzer und wieder so einer, von dem man nicht so genau weiß, was er politisch will. Außer Macht. Weil Beck das, zum Beispiel im Umgang mit der Linkspartei, selbst nicht so genau weiß, hält auch er nur zwei Jahre lang durch und gibt 2008 auf - zermürbt von Intrigen, als deren Drahtzieher er Müntefering sieht. Unser junger Mann ist jetzt übrigens 17 Jahre alt, könnte also schon bei den Jusos sein.

dpa_177678006BDB512A.jpgJetzt muss, weil die SPD wirklich niemanden mehr hat, wieder der alte Sauerländer ran. Wieder hebt die SPD Müntefering auf den Thron, bejubelt ihn ebenso frenetisch wie den Kanzlerkandidaten Steinmeier - noch bleibt der Dolch im Gewande stecken.

dpa_17767C0048653689.jpgJetzt haben sie ihn herausgeholt: Sigmar Gabriel und Andrea Nahles, sich gegenseitig in herzlicher Abneigung verbunden, wollen sich erstmal die Macht in der SPD teilen. Steinmeier darf noch ein bisschen den Fraktionsonkel spielen, dann wird auch er bald zermürbt sein und abtreten. So das Kalkül des Piranha-Duos.

Und ausgerechnet diese Partei hält öffentlich den Wert der Solidarität hoch und singt vollmundig “Wann wir schreiten Seit an Seit”. Auch das ist eine Ursache für das Glaubwürdigkeitsproblem der SPD.

O weh, SPD!

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Eine Antwort zu “O weh, SPD!”

  1. [...] nur daran liegt, dass ich mich für den neuen neuen SPD-Vorstand nicht begeistern [...]

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