Hach, was haben wir doch für gebildete und belesene Politiker in Deutschland! Jetzt kam es im Bundesrat sogar zum Showdown zweier Lyrikexperten. Und das rührt mein Herz als studierter Germanist sehr. Phoenix gesehen, geweint!
Los ging’s mit dem rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck. Immer wenn er wütend sei, wusste der von finsteren Mächten der Sozialdemokratie hinweggemeuchelte Ex-Parteichef zu berichten, greife er zu Gedichtbänden. Und da er gerade mal wieder stocksauer auf die Kollegen von der Union war, die das schwarz-gelbe Staatsverschuldungserhöhungsgesetz, das seltsamerweise Wachstumsbeschleunigungsgesetz heißt, trotz aller Kritik einfach durchgewunken haben, stieß Beck in seiner Verzweiflung auf ein paar lustige Zeilen des Münchner Dichterfürsten Eugen Roth (1895-1976). Also deklamierte Beck mit pfälzer Zungenschlag das Gedicht “Das Sprungbrett”, das - Achtung Metaphorik! - auf die feigen Unions-Ministerpräsidenten gemünzt war:
“Ein Mensch, den es nach Ruhm gelüstet,
Besteigt, mit großem Ruhm gerüstet,
Ein Sprungbrett - und man denkt, er liefe
Nun vor und spränge in die Tiefe,
Mit Doppelsalto und dergleichen
Der Menge Beifall zu erreichen.
Doch lässt er, angestaunt von vielen,
Zuerst einmal die Muskeln spielen,
Um dann erhaben vorzutreten,
als gelt’s, die Sonne anzubeten.
Ergriffen schweigt das Publikum -
Doch dreht er sich gelassen um
Und steigt, fast möcht’ man sagen, heiter
Und voll befriedigt von der Leiter.
Denn, wenn auch scheinbar nur entschlossen,
Hat er doch sehr viel Ruhm genossen,
Genau genommen schon den meisten -
Was sollt er da erst noch was leisten?
“Ich finde, wir sollten springen”, schloss Beck feierlich seine kleine Lesung. “Lassen Sie uns gemeinsam im Vermittlungsausschuss schwimmen.” Was den hessischen Kollegen Roland Koch zur zynischen Replik lockte: “Manchmal muss man halt aufpassen, dass man nicht nass wird.” Auf ungleich höherem Niveau antwortete Peter Harry Carstensen, das kühle CDU-Nordlicht aus Kiel. Der Ministerpräsident Schleswig-Holsteins überreichte seinem Kollegen von der SPD mit gravitätischem Grinsen ein Gedicht Theodor Storms, als dessen Wiedergänger sich der weißbärtige Friese wahrscheinlich fühlt.
Der Ochse frißt das feine Gras
Und läßt die groben Halme stehen;
Der Bauer schreitet hinterdrein
Und fängt bedächtig an zu mähen.
Und auf dem Stall zur Winterszeit,
Wie wacker steht der Ochs zu kauen!
Was er als grünes Gras verschmäht,
Das muß er nun als Heu verdauen.
Man möchte lieber nicht wissen, wie viele Mitarbeiter der Kieler Staatskanzlei während Becks Rede händeringend und hektisch nach einer lyrischen Replik gefahndet hatten. Lange könnte ich an diesem Gedicht heruminterpretieren. Für welchen Teil des Steuerentlastungsgesetzes steht das Gras, für welchen die Halme? Wer ist der Ochse, wer der Bauer? Nun, lassen wir das lieber.
Und lassen stattdessen Heinrich Heine zu Wort kommen, der zum volksbeglückenden Wachstumsbeschleunigungsgesetz und über dessen Kritiker bereits 1844 sehr hellsichtig alles Nötige geschrieben hat:
Ein kleines Harfenmädchen sang.
Sie sang mit wahrem Gefühle
Und falscher Stimme, doch ward ich sehr
Gerühret von ihrem Spiele.
Sie sang das alte Entsagungslied,
Das Eiapopeia vom Himmel,
Womit man einlullt, wenn es greint,
Das Volk, den großen Lümmel.
Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
Ich kenn auch die Herren Verfasser;
Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
Und predigten öffentlich Wasser.
Ein neues Lied, ein besseres Lied,
O Freunde, will ich Euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten.
Wir wollen auf Erden glücklich sein,
Und wollen nicht mehr darben;
Verschlemmen soll nicht der faule Bauch
Was fleißige Hände erwarben.
Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.
Ja, Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.


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