In diesen hochtechnisierten Zeiten sorgen vom politischen Gegner “veredelte” Wahlplakate vor allem dann für Aufsehen, wenn sie mit dem Original auf perfekte Weise spielen - so dass man die Fälschung kaum erkennt. Also etwa so.
Vielleicht ergibt sich auch daraus die komische Kraft dieses ganz und gar nicht perfekt veredelten Plakats. “Die Kanzlerin kommt” steht drauf - und jemand hat handschriftlich hinzugekritzelt: “Und alle so: Yeaahh”.
Schöner und lustiger wurde die skurrile Groß-Wahlkampfmaschine, die gerade die Republik überzieht, selten karikiert. Kann gut sein, dass das auf der Veranstaltung selbst morgen in Hamburg zu einer witzigen Rückkoppelung führt. Online wird bereits dazu aufgerufen, Merkels Rede flashmobartig mit möglichst vielen “Yeah”-Rufen zu unterbrechen und das dann wieder zu dokumentieren. Wir sind gespannt.
Update, 18. September 21.19: Scheint lustig gewesen zu sein in Hamburg vorhin. “Und alle so yeaahh”:
Guck mal einer an, die JuLis: Ausgerechnet die Nachwuchstruppe der Ober-Spaßbremse Westerwelle (Staatsmann in spe) hat jetzt ein Wahlwerbe-Video veröffentlicht, das sich des Stilmittels der Selbstironie bedient. Und hübsch augenzwinkernd die eigenen Klischees traktiert.
Schade nur, dass das Video nach exakt einer Minute plötzlich abrupt ins ernsthafte Fach wechselt und der Sprecher mit erhobenem Zeigefinger trompetet: “Wir sind die einzigen, die zentrale Freiheitseinschränkungen der letzten Jahre wieder zurücknehmen werden.”
Dabei wäre es doch konsequent gewesen, die Ironie bis zum Ende durchzuhalten. Und etwa so zu enden:
“Wir sind die einzigen, die zentrale Freiheitseinschränkungen der letzten Jahre wieder zurücknehmen werden. Deshalb wollen wir ab dem 27. September unbedingt mit Wolfgang Schäuble und den freiheitsliebenden Jungs von der CSU koalieren.”
Und wo wir schon so lyrisch gestimmt sind, hier kommt noch ein hübsches CDU-Sonett.
Der weite Weg der Angela M.
Genießen Sie im Originalton:
“Ich wurde nicht als Kanzlerin geboren.
Aber dann kam einer der größten Glücksmomente unseres Landes: Die Einheit.
Ich wollte Deutschland dienen. (weiterlesen…)
Angela Merkel hat ihren “argumentativen Wahlkampf” verteidigt. Jetzt hat die CDU ihren neuen Wahl-Spot online gestellt. Wir sind begeistert, von so viel argumentativer Schärfe und Brillianz. Dieser Spot ist ein Gedicht! Wir zitieren:
Wir haben das Wissen.
Wir haben die Jugend.
Wir haben die Neugier.
Wir haben die Erfahrung.
Wir haben die Ideen.
Und vor all dem haben wir die Menschen.
Wir haben die Kraft, Deutschland zu dem zu machen, was es sein kann.”
Vermutlich hat Vera Lengsfeld gestern Abend gleich noch einen Extra-Schwung tief ausgeschnittener Tops gekauft, für jeden Wahlkampftag eines, jedenfalls tauchte das Berliner Plakatluder heute auf beinahe jedem Pressefoto mit dem berühmt gewordenen Oslo-Buseneinblick auf. (weiterlesen…)
Das hier ist mein vorläufiger Favorit für das belämmertste Plakat dieses Wahlkampfs: Ex-DDR-Bürgerrechtlerin und CDU-Politikerin Vera Lengsfeld hat ihren Wahlbezirk Berlin Friedrichshain-Kreuzberg mit dem berühmten Dekolleté-Bild der Bundeskanzlerin (entstanden bei einem Opernbesuch in Oslo) gepflastert, und sich, ähnlich tief ausgeschnitten, daneben montiert. (weiterlesen…)
Sieh einer an, diese Nordlichter! Während wir uns hier unten im Süden an jedem kleinen (und immmer folgenlosen) Rülpser der Christsozialen in Richtung ihrer großen Schwesterpartei abarbeiten, schaffen die Christdemokraten in Schleswig-Holstein eiskalt Fakten. Ausgerechnet der bärig-bärtige Peter Harry Carstensen, von dem man südlich des Weißwurstäquators eigentlich nur in Erinnerung hat, dass er einmal via Boulevardzeitung eine Frau gesucht hat, setzt sich entspannt und bestens gebräunt vor die Fernsehkameras und lässt die große Koalition mit den Sozis platzen. Peng. (weiterlesen…)
Als Joschka Fischer sich aus der ersten Reihe verabschiedete, meinte er, mit ihm verlasse „der letzte Live-Rock’n'Roller” die deutsche Politik. “Jetzt kommt in allen Parteien die Playback-Generation.”
Dieses Bild liefert den Gegenbeweis: Es ist noch mindestens ein echter Rocker übrig geblieben: Peter Struck. (weiterlesen…)
Gerade eben hat mir eine Münchner Freundin im Facebook-Chat die Gretchen-Frage für einen Politikredakteur gestellt: “Was würdest du mir raten zu wählen morgen? Du hast drei Sekunden Zeit.” “Puh”, hab ich da geantwortet und sie, um kostbare Zeit zum Überlegen zu gewinnen, erst mal ganz politisch korrekt darauf hingewiesen, dass es am Allerwichtigsten sei, überhaupt wählen zu gehen. Das hat mir schon mein Sozialkundelehrer in der Mittelstufe erfolgreich eingetrichtert. Die Freundin wiederum, eine kluge, witzige Frau, brachte ihr Dilemma in Twitter-Tweet-Länge knackig auf den Punkt: “Mein Herz schlägt grün, aber mein Gehaltszettel sagt FDP.”
Was aber soll ich ihr guten Gewissens raten? (weiterlesen…)
Wir klicken wieder kurz zurück auf die vergangene Woche: Annette Zochs satirischer Wochenrückblick als Audio-Slideshow in 1.42 Minuten ist hier zu sehen und zu hören. Viel Spaß!
Ich weiß nicht, wer den Europawahlspot der CDU schon gesehen hat - absolutes Pflichtprogramm. Es spielen mit (in der Reihenfolge ihres Auftretens): ein Hafenarbeiter, ein “moderner Vater” mit Stofftasche beim Betreten seiner Küche, ein Büromensch mit Notebook, ein Fabrikarbeiterteam, Oma und Opa mit Enkel und ein dynamisches Pärchen, das gerade ein Geschäft eröffnet. Ohne Frage ganz Deutschland also. Vor allem aber tritt auf: die Deutschlandfahne, mal auf einem Container, mal auf dem Bildschirm, mal im Fenster, immer aber mit einem großen “Wir” drauf. (weiterlesen…)
Jahrelang war es dasselbe Lied bei den Solo-Auftritten der Kanzlerin vor der Bundespressekonferenz: Angela Merkel legte in dem Saal am Schiffbauerdamm ihren uckermärkischen Klangteppich aus und sang die Hauptstadtpresse sukzessive in seligen Schlummer. Am Ende blieb meist nur eines haften: der Merkelsche Dreiklang. Die Regierungschefin beschwor mantraartig einen „Dreiklang aus Sanieren, Reformieren und Investieren“, hämmerte ihn ihrem Volk nachgerade ein. Der sollte das Leitmotiv der großen Koalition sein.
Nun verhält es sich mit dem Dreiklang aber nicht so, dass man einfach drei beliebige Tasten eines Klaviers zugleich drückt oder drei willkürliche Töne hintereinander ausstößt. Musikalische Menschen verstehen unter einem Dreiklang vielmehr den Spezialfall eines Zusammenklangs dreier unterschiedlicher Töne. Einen dreistimmigen Akkord, dessen Töne sich in Terz-Intervallen übereinanderschichten. Der tiefste Ton ist der Grundton, darüber liegen Terz- und Quintton. Je nachdem, wie große und kleine Terzen übereinandergelagert werden, kommt ein Dur-Dreiklang, ein Moll-Dreiklang, ein übermäßiger Dreiklang oder ein verminderter Dreiklang heraus.
Anja Timmermann, Annette Zoch, Frank Müller und Markus Jox sind im Hauptberuf Politikredakteure der Münchner Abendzeitung. Hier bloggen sie über ihr Leben zwischen Politik und Presse. Was unsere Volksvertreter in Wahrheit wollen, worauf es in Berlin und München wirklich ankommt - und warum Politik auch richtig unterhaltsam sein kann: Das tägliche Politik-Blog hier auf www.hopfen-post.de