Anja Timmermann schreibt:
Nein, politische Wahlen sind KEIN Schönheitswettbewerb. Sonst hätten schon Roland Koch und Thorsten Schäfer-Gümbel nicht gegeneinander antreten dürfen, und an Kurt Beck wollen wir lieber gar nicht mehr denken. Aber was da momentan in München rumhängt, ist auch unter dieser wohlwollenden Annahme äußerst grenzwertig: die Plakate von Bernd Posselt.

Sie verstehen? Und nun diskutieren wir hier ganz ernsthaft: Kann man die Hässlichkeit eines Politikers zum Thema machen? Oder ist das gemein und diskriminierend und oberflächlich? Gibt es einen Grad von Hässlichkeit, ab dem sie thematsieren darf, ja muss? Muss man unterscheiden zwischen angeborener und selbstverschuldeter Hässlichkeit? Nutzt hier jemand sein bizarres Aussehen, um überhaupt Aufmerksamkeit zu wecken? Oder ist es vielmehr ein Zeichen von beneidenswertem In-Sich-Ruhen, wenn jemand mit einem Erscheinungsbild wie Bernd Posselt die Stadt mit Ganz-Kopf-Plakaten von sich zupflastert?
Denn: Er muss ja nicht. Genauso gut könnte er Slogans auf seine Plakate drucken, also aus schlichten, klassischen Buchstaben, garniert mit ein paar grafischen Elementen, sagen wir ein paar EU-Sternchen und dem bayerischen CSU-Löwen oder so, und dann das Foto klitzeklein im Eck. Nein. Macht er nicht. Stattdessen grinst einen fast meterhoch von jeder Straßenecke dieses absonderliche Mondgesicht an, die Speckwülste, die aus dem Hemdkragen hervorquellen, die dünnen schwarzen Härchen, die eine Art Schnurrbart bilden sollen, die ganze Anmutung des Retro-Bauernschädels.
Und ehrlich gesagt: Ein Thema ist es. Drei Mal haben mich bisher – nicht professionell mit Politik beschäftigte – Bekannte auf die EU-Wahl angesprochen. In 100 Prozent aller Fälle wollten sie von mir wissen, wer der „krasse Typ da auf dem Plakat“ ist. Eine Freundin hat sich so erschrocken, als sie das erste Mal einen Posselt-Ständer gesehen hat, dass sie fast vom Fahrrad gefallen wär. Eine kulturinteressierte Bekannte fand es hochfaszinierend, quasi eine Art Kunst im öffentlichen Raum, eine pseudo-reale Überhöhung (oder so). Bin nicht sicher, ob sie realisiert hat, dass es gar nicht als Persiflage gemeint ist. Und ein Nachbar, der selbst einige nicht zwingend nötige Kilos mit sich herumträgt, ist total begeistert: Seitdem sowas auf den Straßen rumhängt, traut er sich auch wieder offensiver unters Volk.
Aber nun zu unserer Diskussion, ob wir’s in der Zeitung bringen. Da gibt es die (leicht feministische) Gedankenschule: Wenn man über die Schweißflecken von Angela Merkel berichtet, dann auch über das Gesicht von Bernd Posselt (wobei man Merkel zugute halten muss, dass sie die Schweißflecken nicht von sich aus plakatiert hat). Dann gibt es die ernsthafte inhaltliche Argumentationslinie, dass auch halslose Menschen potentiell gute Politik machen können (wobei man hier ebenso ernsthaft entgegnen kann, dass das ewiggestrige, revanchistische, tümelnde Kampfsudetendeutschentum - dem auch Herr Posselt fröhnt – nach Meinung der Autorin nicht die Kriterien für gute Politik erfüllt).
Und schließlich die journalistisch-ausdifferenzierte Betrachtungsweise: Wo ist es noch Privatsache – wo wird es politisch? Sprich: An wie viel Hässlichkeit ist man selbst schuld? Für die grundsätzlichen Gesichtszüge kann nun wirklich niemand was – wie soll man auch steuern, welche Koalitionen die Eltern-Gene spaßeshalber eingehen. Auf den Umfang des Gesichts (oder auch des Halses) hat man selbst mittelfristig durchaus Einfluss. Wobei tatsächlich zugestanden werden muss, dass Appetit bei Tisch und Qualität der Politik sich nicht negativ beeinflussen müssen – siehe auch Joschka Fischer im Vergleich zu George Bush. Und völlig in eigener Hand liegt die Gestaltung der Haartracht: Niemand ist gezwungen, ein Adolf-Bärtchen zu tragen und die dunklen Haare schräg über die Stirn gescheitelt (wobei es auf älteren Fotos noch deutlicher war). Und erst recht nicht, sein Gesicht als zentrale Wahlkampfaussage zu verkaufen.
Wir haben bei der CSU mal unauffällig nachgefragt, ob es Versuche gab, Posselts Plakate zu entschärfen. Naja, heißt es da gequält, sie seien immerhin auf das Stadtgebiet Münchens beschränkt. Ob man vielleicht Guttenberg stattdessen plakatieren könnte? Keine Chance. Nicht mal Söder. Und so bleibt er denn nun: Bernd Posselt, die Susan Boyle der CSU. Mutmaßlich minus das Gesangstalent.